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Barrierefreiheit im Web für alle!

Um das Thema Barrierefreiheit in Webapplikationen drehte sich das zweite Frontend Rhein-Neckar Meetup bei UEBERBIT am 25. Juli 2018. In dieser zusätzlichen Artikelserie wollen wir das Thema nochmal aufgreifen und umfassend betrachten.


The power of the Web is in its universality. Access by everyone regardless of disability is an essential aspect. [1]

Tim Berners-Lee, W3C-Direktor und Erfinder des World Wide Web


Das Web bietet der Menschheit einen bisher nie dagewesenen Zugang zu Informationen und Interaktionen. Etwa 3.5 Milliarden Menschen haben Zugang zu dem Medium, das unabhängig von Hardware, Software, Sprache, Kultur, Ort, physischen oder kognitiven Fähigkeiten nutzbar ist.

Etwa 15% der Weltbevölkerung lebt mit einer Form von Behinderung. [2] Der folgende Artikel soll dazu dienen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie man die üblichen Barrieren im Web erkennt und diese erfolgreich aus dem Weg räumen kann.

Als Web-Entwickler, Designer und Redakteure können wir die soziale Inklusion für Menschen mit Behinderung unterstützen. Ein Hauptteil dieser Menschen verbringt pro Woche übrigens mehr Zeit im Internet (6,5 Tage) als der durchschnittliche Nutzer ohne Behinderungen (5 Tage). [3]

Bevor wir auf konkrete Barrieren eingehen können, ist es sinnvoll, sich über die Arten von Beeinträchtigungen bewusst zu werden. Dieser Kontext ist notwendig um zu verstehen, warum Barrieren überhaupt entstehen.

Von welchen Beeinträchtigungen sind unsere Nutzer betroffen?

Bei der Erstellung von Webapplikationen sollten die Nutzer stets im Mittelpunkt stehen. Daher ist es nötig, uns mit den Herausforderungen und physischen Beeinträchtigungen der User auseinanderzusetzen. Nur so erhalten wir ein besseres Verständnis für mögliche Probleme bei der Nutzung unserer Applikation. Allgemein können wir beeinträchtigte Benutzer in vier verschiedene Kategorien aufteilen. [4]

👓 Visuell beeinträchtigt
Dies können blinde, sehbehinderte oder einfach nur alternde Menschen sein. (z.B. Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit, Glaukom, Albinismus)

🔇 Auditiv beeinträchtigt
Das Internet ist ein visuelles Medium, aber Untertitel und Fallbacks für Ton-notwendige Medien müssen für hörgeschädigte Benutzer berücksichtigt werden. (z.B. Presbyakusis, Akustisches Trauma, Störung der auditorischen Verarbeitung, Otosklerose)

Motorisch beeinträchtigt
Menschen mit motorischen Beeinträchtigungen verwenden typischerweise eine breite Palette an unterstützender Technologie von spezialisierten Tastaturen bis hin zu Eyetrackern, um einzelne Knöpfe zu verwenden, um durch ihren Computer zu navigieren (z.B. RSI, Zerebralparese, Parkinson, Muskeldystrophie).

📖 Kognitiv beeinträchtigt
Bezieht sich auf die einfache Verarbeitung von Informationen (z.B.Down-Syndrom, Autismus, Globale Entwicklungsverzögerung, Dyslexie).

Eine weitere Perspektive bietet die Unterteilung in permanente, temporäre und situative Behinderungen.

Permanent, temporär, situativ

Permanent, Temporär, Situativ

Menschen mit permanenten Behinderungen leiden dauerhaft seit Geburt, oder aber nach Unfall oder Krankheit, unter einer der oben genannten Beeinträchtigungen.

Bei temporären Behinderungen sprechen wir von Einschränkungen, die einen Menschen nur für eine bestimmte Zeit beeinträchtigen (Beispiele: sich den Arm brechen, bestimmte Medikamente zu sich nehmen, Funklöcher).

Als situative Behinderungen beschreiben wir Umstände, in denen wir oft nur für einen sehr kurzen Zeitraum beeinträchtigt, aber dennoch auf Hilfe angewiesen sind (Beispiele: nur eine Hand frei haben, laute Umgebungsgeräusche, blendendes Sonnenlicht).

Barrierefrei im Web zu sein bedeutet deshalb, nicht nur Farbkontraste oder Schriftgrößen korrekt einzustellen. Barrierefrei zu sein bedeutet, das Möglichste zu tun um unsere Applikation für jeden Menschen nutzbar zu machen. Unabhängig davon, mit welcher Form der Behinderung sie oder er zu kämpfen hat.

Barrieren

Barrierefreiheit im Web ist ein weitreichendes Thema, deshalb macht es Sinn diese Barrieren zu kategorisieren. [5] Dabei unterliegen die unterschiedlichen Barrieretypen auch unterschiedlichen Verantwortungsbereichen.

🔧 Technisch-funktionale Barrieren

Durch die Nichteinhaltung oder Nutzung veralteter technischer Standards bzw. den Einsatz grundlegend barrierebehafteter Technologien wie Flash oder Java-Applets gefährden wir nicht nur die Sicherheit unserer Nutzer, sondern auch die Bedienbarkeit über Accessiblity Tools. Mit der Nutzung etablierter und offener Standards und dem Ausschluss oben genannter technologischer Hürden, können wir unsere Lösungen deutlich aufwerten.

Um alle Hard- und Softwareanforderungen der Clientsysteme abbilden zu können, sollten mit Hilfe des „Progressive Enhancement“ Models im Konzeptionsprozess, beispielsweise technische Fallbacks (Rückfallmechanismen), beachtet werden.

Diese Barrieren liegen im Verantwortungsbereich der Webentwickler und werden durch verschiedene Anforderungen geprüft. Im nächsten Teil unserer Blogreihe werden wir näher auf diese Anforderungskataloge eingehen.

🖌 Design-Barrieren

Unter Design Barrieren verstehen wir alle Barrieren, die durch visuelle Eindrücke wie z.B. durch suboptimal konzeptionierte Kontraste, Farbverhältnisse oder Animationen entstehen. Auch nicht–responsive Designs stellen eine Barriere für einen Hauptteil unserer Nutzer dar. [6]

Mit dem Einhalten einfacher Design-Prinzipien können durch klar strukturierte, leicht erfassbare Layouts, durch zielführende Farb- und Kontrastverhältnisse und ausreichend große, gut lesbare Schriften barrierefreie Designs erarbeitet werden.

Verantwortlich sind hier Webdesigner. Diese sollten sich über die Richtlinien der WCAG bzw. der BITV informieren bevor der erste Pinselstrich stattfindet.

Redaktionelle & inhaltliche Barrieren

📝 Redaktionelle und inhaltliche Barrieren

Redaktionelle und inhaltliche Barrieren stellen besonders Usern mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche vor Probleme. Das W3C beschreibt auf seiner Seite »How People with Disabilities Use the Web« die Auswirkungen leichter Sprache auf betroffene Personen. [7]

Sprachliche Komplexität entsteht oft durch fehlende Textstrukturen, verschachtelte Sätze, umständliche Formulierung oder Fachbegriffe. Durch gut erfassbare Strukturen wie Überschriftenhierarchien, zweckmäßigen Gliederungen und einfache logische Reihenfolgen profitieren wir alle von leichter Sprache.

Auch Bilder, Filme und Animationen sollten mit alternativen Beschreibungen und Untertiteln versehen werden. Nicht nur zur Optimierung für Vorlesesoftware, sondern auch zur Veranschaulichung komplexer Zusammenhänge.

💡 Aufmerksam machen, Schritt für Schritt

Eine weitere große Möglichkeit, Dinge schnell zu verbessern liegt oft in organisatorischer Hand. Mit einem Fokus auf Plattformunabhängigkeit und der Ausrichtung auf ein größtmögliches Nutzerspektrum können wir Stakeholder darauf aufmerksam machen, körperliche, geistige und soziale Komponenten zu berücksichtigen.

Wir legen jetzt schon zunehmend Wert auf verschiedene Ausgabeformate und Nutzungszenarien (Desktop, PDA / Smartphone, assistive Technologien) - es wird Zeit, dass wir auch Lese-, Schreib- und Sprachkenntnisse berücksichtigen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Joschi Kuphal für die tolle Arbeit und Unterstützung bedanken. Er hat uns bei der Recherche dieses Themas kräftig unterstützt. Am 5. November veranstaltet er die "Accessibility Club Conference" in Berlin - eine ganztägige Konferenz mit ca. 150 Teilnehmern, 4-5 handverlesenen Rednern und ein paar weiteren Gemeinschaftsbeiträgen.

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Einfach für Alle

Die Initiative ›Einfach für Alle‹ (EfA) wurde 2000 von der Aktion Mensch gestartet. Sie richtet sich an Anbieter von Internetseiten und Agenturen, die überzeugt werden sollen, dass auch sie von barrierefreiem Internet profitieren.

https://www.einfach-fuer-alle.de

Die Web Accessibility Initiative

Die Verpflichtung des World Wide Web Consortiums (W3C), das Web zu seinem vollen Potenzial zu führen, beinhaltet die Förderung eines hohen Grades an Benutzerfreundlichkeit für Menschen mit Behinderungen. Die Web Accessibility Initiative (WAI) ist eine Initiative des W3C. WAI entwickelt seine Arbeit durch den W3C-Konsens-Prozess, der verschiedene Stakeholder in Web Accessibility involviert. Dazu gehören Industrie, Behindertenorganisationen, Behörden, Forschungsinstitute für Barrierefreiheit und mehr.

https://www.w3.org/WAI/

Quellen:


  1. https://www.w3.org/standards/webdesign/accessibility ↩︎

  2. http://www.who.int/disabilities/world_report/2011/report/en/ ↩︎

  3. https://www.einfach-fuer-alle.de/studie/ ↩︎

  4. https://www.w3.org/WAI/people-use-web/abilities-barriers/ ↩︎

  5. https://accessibility-club.org/archive/20180629/slides/#40 ↩︎

  6. https://www.microsoft.com/design/inclusive/ ↩︎

  7. https://www.w3.org/WAI/people-use-web/user-stories/#classroomstudent ↩︎