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CASE Study: Barrierearmes mannheim.de

Vorwort

Um das Thema Barrierefreiheit in Webapplikationen drehte sich das zweite Frontend Rhein-Neckar Meetup bei UEBERBIT am 25. Juli 2018. In dieser zusätzlichen Artikelserie wollen wir das Thema nochmal aufgreifen und umfassend betrachten.

Über die unterschiedlichen Formen von Barrieren hat mein Kollege Florian bereits in seinem letzten Artikel geschrieben. In diesem Post werde ich zeigen, wie der Weg von mannheim.de hin zu mehr Barrierearmut aussah, bzw. aussieht. Denn die Entwicklung digitaler barrierefreier Produkte ist mehr ein Prozess als eine einmalige Aktion. Und so dauern die Optimierungen auch weiterhin an.
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Rechtliches

Barrierearmut und Barrierefreiheit bei digitalen Produkten, also z. B. Apps und Websites, sind in Deutschland und in den meisten Ländern der Welt keine Verpflichtung für deren Anbieter. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und der Verlagerung von immer mehr Vorgängen des täglichen Lebens raus aus der Kohlenstoffwelt, rein ins digitale, wird die Nutzbarkeit unsere Produkte für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen immer wichtiger.

Viele Dienstleistungen sind heute nicht mehr in der Fläche, z. B. im ländlichen Raum, verfügbar. Manche Produkte werden heute nur noch online angeboten oder zumindest zu einem günstigeren Preis. Ähnliche Tendenzen gibt es auch in der öffentlichen Verwaltung. Anträge, Auskünfte und andere Vorgänge werden digitalisiert. Das spart Kosten und geht meist schneller und ist damit durchaus erstrebenswert. Der Zugang zu diesen Diensten und Produkten steht aber eben nicht jedem Nutzer gleichermaßen zur Verfügung. Zumindest nicht wenn wir die möglichen Barrieren für Nutzer mit unterschiedlichen Bedürfnissen außer Acht lassen.

Für private Dienstanbieter ist das zurzeit noch eine reine Kosten-Nutzen-Rechnung. Für staatliche Stellen nicht mehr. Oder nicht mehr lange. Denn das Vorenthalten dieser Dienste gegenüber einzelnen Personengruppen ist schlicht diskriminierend.

Behindertengleichstellungsgesetz - BGG

Grundsätzlich regelt das Behindertengleichstellungsgesetz diesen Umstand bereits für die öffentlichen Stellen des Bundes.

§ 1 Ziel und Verantwortung der Träger öffentlicher Gewalt

(1) Ziel dieses Gesetzes ist es, die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen zu beseitigen und zu verhindern sowie ihre gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu gewährleisten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen. Dabei wird ihren besonderen Bedürfnissen Rechnung getragen.

Dieses Gesetz bildet also die Grundlage für alle weiteren Verordnungen.

BITV 2.0 - Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung

Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung regelt die Anforderungen an IT Angebote, die diese einhalten müssen um als barrierefrei im Sinne des BGG zu gelten. Dies galt schon länger für alle Einrichtungen des Bundes. Danach waren die Bundesländer an der Reihe. Inhaltlich entspricht die Verordnung dem Standard des W3C. Genauer den WCAG 2.0.

Und jetzt die Kommunen

Die Stadt Mannheim wurde durch den Deutschen Städtetag, eine gemeinsame Interessenvertretung der Kommunen, über das Inkrafttreten neuer Regelungen informiert. Genauer die EU-Richtlinie 2016/2102. Sie wird derzeit in deutsches Recht übersetzt.

Zusammengefasst bedeutet das:

  1. Alle neuen Websites öffentlicher Stellen sind ab September 2019 zu Barrierefreiheit verpflichtet.
  2. Ab September 2020 sind alle bestehenden Internetauftritte öffentlicher Stellen zu Barrierefreiheit verpflichtet.
  3. Mobile Anwendungen müssen ab Juni 2021 barrierefrei sein.
  4. In ihren Web-Angeboten müssen Anbieter zukünftig außerdem eine Barrierefreiheitserklärung publizieren und einen Feedback-Mechanismus für Nutzer anbieten.

Somit ist auch mannheim.de von diesen Neuerungen betroffen.

BITV-Test

Um öffentliche Stellen und Einrichtungen zu unterstützen und die Verbreitung BITV-konformer Internetseiten zu beschleunigen, wurde das Projekt "BIK für alle" (BIK = "barrierefrei informieren und kommunizieren") vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert. Das Projekt bietet Betreibern von Webangeboten die Möglichkeit ihre Produkte nach BITV-Kriterien zu testen. Entweder als Dienstleistung oder im Selbsttest.

Für öffentliche Einrichtungen und Träger ist der Test hilfreich, da er auch als Nachweis dient. Das kann zum Beispiel in juristischen Auseinandersetzungen von Vorteil sein. Schließlich können Abweichungen von der BITV auch angezeigt oder abgemahnt werden.

Der BITV-Test ist Open Source

Der Test umfasst insgesamt 49 Kriterien. Das Verfahren liegt dabei vollkommen offen. Somit ist er eigentlich gut nachvollziehbar für alle Projektbeteiligten. Doch dazu später mehr.

Mannheim.de - wie wir Barrieren abgebaut haben

Der zuständige Fachbereich der Stadt Mannheim hat sich dazu entschieden den kostenpflichtigen BITV-Test vom BIK-Projekt durchführen zu lassen. Hierzu wurden fünf Seiten des städtischen Internetauftritts ausgewählt, die möglichst viele Elemente der Plattform abdecken. So wurde sichergestellt das der Aufbau, die Darstellung und das Verhalten auch auf anderen Seiten gewährleistet ist.

Mannheim.de - Technische Grundlagen

Mannheim.de wird von UEBERBIT schon seit vielen Jahren betreut. Die Seite wurde erst im Mai 2017 von uns relauncht und dabei sowohl optisch als auch technisch komplett überarbeitet. Das CMS blieb das gleiche. Allerdings wurde die Seite mit ihren über 4.000 Inhalten und 30.000 Medienelementen von Drupal 6 auf Drupal 8 migriert.

drupal-2

Im Frontend haben wir zudem auf das Foundation Framework gesetzt. Beides eine gute Wahl wie sich herausstellte, denn beide Open Source Projekte haben den Accessibility-Faktor bei der Entwicklung im Blick, so dass die meisten Anforderungen bereits von Haus aus erfüllt waren. Und auch wir als Entwickler hatten schon ein Bewusstsein für das Thema.

Relevanz ✓

Neben der rechtlichen Verpflichtung zur Barrierearmut lohnt auch ein Blick auf die Statistik. Mannheim.de hat monatlich ca. 150.000 Besucher. Bedenkt man, wie mein Kollege bereits schrieb, dass ~15% der Bevölkerung an einer Behinderung leiden, ergibt das ~22.500 Nutzer pro Monat die von diesen Verbesserungen profitieren.

Initialer Test - 83,75 von 100

Beim BITV-Test kann eine Seite maximal 100 Punkte erreichen. Liegen "Verstöße" vor gibt es Punktabzüge. Diese richten sich zum einen danach wie vollständig oder teilweise ein Kriterium erfüllt wurde, aber auch nach der Relevanz für die Nutzbarkeit der Seite. So ergeben sich Punktabzüge pro Kriterium zwischen 0,25 und 3 Punkten.

Soll heißen: wenn Euer riesiges Headerbild kein alt=""-Attribut aufweist, dann ist dieses Kriterium zu 100% nicht erfüllt. Da es aber keine Inhaltliche Relevanz für die Nutzung hat und ein reines Schmuckelement ist, wird dieser Totalausfall nicht so stark gewichtet.

Als ich den ersten Prüfbericht zu sehen bekam war ich erst einmal überrascht. Zum einen sind die Kriterien erstaunlich detailliert, zum anderen enthalten die meisten beanstandeten Kriterien präzise Handlungsempfehlungen um die Missstände zu beheben. Das geht dann von Links auf die Standards des W3C, bis hin zu Vorschlägen für anwendbare CSS-Klassen.

Bei der Analyse des Ergebnisses haben wir dann zunächst unterschieden, welche Punkte von uns technisch zu lösen sind und auf welche wir als Entwickler keinen Einfluss haben. Da es sich um ein Content Management System handelt, haben wir natürlich keinen Einfluss auf die redaktionellen Inhalte. Hier wurden Handlungsempfehlungen an die Redakteure weitergegeben und die Probleme erörtert um ein besseres Bewusstsein zu schaffen. Ein <strong> ist eben keine Headline. ;)

In Abstimmung mit der Leitung des Fachbereichs haben wir ToDos identifiziert, mit denen wir beim nächsten Testdurchlauf die 90-Punkte Marke knacken. Danach haben wir uns Schritt für Schritt durch die Prüftabelle gearbeitet.


suchmaske
Die Suchmaske hat unterschiedliche Fokusindikatoren erhalten. Maussteuerung oben, Tastaturbedienung unten. Dafür wurde what-input verwendet, welches bereits Teil von Foundation ist.


Nachdem wir unsere Anpassungen deployed hatten, wurde die Seite erneut zu Prüfung freigegeben.

Runde 2 - die Ernüchterung

Wir wussten im Voraus, dass wir keine 100 Punkte erreichen werden. Weil es Kriterien gab, die wir nicht im Rahmen des zur Verfügung stehenden Budgets umsetzen konnten. So basiert Mannheim.de beispielsweise auf einem Farbkonzept, dass in Teilen nicht mit WCAG konform ist. Eine Änderung hätte vermutlich nicht im Verhältnis zum Aufwand gestanden. Aber wir waren uns sicher die 90 Punkte zu erreichen.

Das Ergebnis: 88,75 - damn it. Dreißig Stunden Arbeit für 5,5 Punkte gewinn.

Und hier beginnt sich die eigentliche Transparenz des BITV-Tests langsam einzutrüben.

Viele der Punkte, die wir behoben hatten, z. B. eine verbesserte Bedienbarkeit mit der Tastatur, bessere Auszeichnung von Elementen durch ARIA-Labels und das Bereitstellen von Alternativtexten bei Bedienelementen, wurden zwar anerkannt und tauchten nicht erneut im Prüfbericht auf. Dafür aber neue Fehler.

Bei der Gegenüberstellung der Berichte viel auf: die Gewichtung mancher Kriterien hatte sich geändert. Auch gab es Fehler, die bei der ursprünglichen Prüfung nicht aufgefallen waren. Und teilweise hatten sich die Kriterien in der Zeit zwischen den beiden Tests geändert.

Und so blieb das große Glücksgefühl erst einmal aus. Aber wir lassen uns nicht entmutigen und wiederholen das Ganze noch einmal. 90 Punkte sind ein Muss.

Fazit

Die Erfahrungen aus dem bisherigen Prozess sind, mit etwas Abstand betrachtet, durchaus positiv.

Natürlich ist es enttäuschend, wenn zwischen zwei Tests Inkonsistenzen auftauchen. Aber auf der anderen Seite sitzen eben auch nur Menschen und Standards, wer in der Branche weiß das nicht, ändern sich von Zeit zu Zeit.

Allerdings: eine unabhängige Prüfstelle zu haben, die die eigene Arbeit bewertet, ist extrem wertvoll. Schließlich kennt diese sich mit dem entsprechenden Teilgebiet sehr gut aus. Man erhält wertvolles Feedback von Prüfern, die den Einsatz von Assistenztechnologie tatsächlich und praxisnah beherrschen. Meine Learnings hierbei waren extrem groß.

Tipps

Eine der größten Überraschungen in unserem Frontend-Team war die Erkenntnis, wie WAHNSINNIG schwer es ist einen Screenreader zu verwenden. Probiert es einmal aus. Ihr werdet das Internet mit anderen Ohren sehen. --> Erste Schritte